Chorsingen und Corona


Liebe Sängerinnen und Sänger, liebe Chorleiterinnen und Chorleiter,

im Folgenden versuchen wir, Fragen zum Chorsingen während der Zeit der Covid-19-Pandemie zu beantworten. Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit. Die Sach- und Gesetzeslage ändert sich dieser Tage schnell. Möglicherweise sind Informationen, die wir heute bekommen haben, morgen schon nicht mehr gültig. Wir bitten um Verständnis, sollte es aus diesem Grund zu Fehlinformationen kommen.

Stand vom 26. Mai 2020

Dürfen wir nun, da die Lockerungen einsetzen, endlich wieder im Chor singen?

Langsam beginnen die Lockerungsmaßnahmen, die z. B. die Musikschulen betreffen, auch für die Chorarbeit relevant zu werden. Ein Lichtstreif am Horizont…
Das reguläre, analoge Proben mit dem Chor ist zwar nach wie vor nicht gestattet, aber seit dem 25. Mai 2020 ist in Niedersachsen die Probenarbeit von Musik-Ensembles mit bis zu 4 Menschen unter strengen Auflagen auch für Sänger wieder zugelassen.

Dabei ist zu beachten:

  • Die üblichen Corona-Hygienevorschriften sind einzuhalten.
  • Für jede Person müssen mindestens 10 m2 Raum zur Verfügung stehen, der Raum muss also ausreichend groß sein.
  • Eine gute Belüftungsqualität des Raumes muss gewährleistet sein.
  • Der Sicherheitsabstand zwischen den Sängern sollte mindestens 2-3 m betragen.
  • Die Personalien und Kontaktdaten der beteiligten Sänger müssen aufgenommen, datiert, schriftlich festgehalten und drei Wochen aufbewahrt werden. Sie sind ggf. dem zuständigen Gesundheitsamt vorzulegen. Die Daten sind vier Wochen nach der Probe wieder zu vernichten.
  • Die Genehmigung der Träger/Betreiber des Veranstaltungsortes muss vorliegen.
    Im kirchlichen Kontext: Konkrete Entscheidungen treffen Pfarramt und Kirchenvorstand, Kirchenkreisvorstand und die Leitungen der Einrichtungen.
    Grundsätzlich gelten für alle Kirchengemeinden, Kirchenkreise und Einrichtungen die Vorgaben und die Empfehlungen der staatlichen und kommunalen Behörden.

Laut dem Stufenplan „Neuer Alltag für Niedersachsen“ der Landesregierung, wird die Begrenzung auf eine Sängerzahl von 4 Personen auch in den nächsten beiden, bisher noch nicht datierten Lockerungsstufen beibehalten. Weiterführende Lockerungspläne sind entweder noch nicht veröffentlicht oder gar nicht existent.


Für Chorgruppen mit mehr als vier Personen gilt also nach wie vor das, was das Niedersächsische Gesundheitsministerium in einer Mail an den ECNB am 18. April 2020 geschrieben hat:
„Mit der Verordnung zum Schutz vor Neuinfektionen mit dem Corona-Virus (…) ergreift die Landesregierung alle erforderlichen Maßnahmen, um die Ausbreitung an einer Erkrankung an Covid-19 in der Bevölkerung einzudämmen. Die Vermeidung von Sozialkontakten außerhalb der Familie bzw. der in einem Haushalt lebenden Menschen ist aktuell das wichtigste Mittel, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen.

Zusammenkünfte u. a. in Vereinseinrichtungen sowie die Wahrnehmung von Angeboten (…) sind daher verboten, so dass der Probenbetrieb Ihrer Chöre nicht aufgenommen werden kann.“

Die stellvertretende Leiterin des Corona-Krisenstabes der Niedersächsischen Landesregierung sagte am Montag, 11. Mai in Hannover, dass sich Chöre und Gesangvereine in Niedersachsen noch mehrere Monate gedulden müssten, bis sie wieder gemeinsam singen könnten. „Das wird zu den letzten Lockerungen gehören.“
Obwohl die Erkenntnisse vieler Experten inzwischen zu anderen Einschätzungen führen (s.u.) und diese zum Zeitpunkt der Pressekonferenz des Krisenstabes bereits 2 bis 5 Tage alt waren, wird weiter davon ausgegangen, dass Singen in Chören eine besonders hohe Ansteckungsgefahr berge. „Es ist ein Riesenunterschied, ob ich singe oder nicht“, sagte Schröder und bezieht damit eine deutlich andere Position als z.B. die Fachleute der Universitäten und Institute in Freiburg, Leipzig, München und Berlin. (Nachzulesen auf dieser Homepage unter der Rubrik Artikel, Expertisen und Stellungnahmen zum Singen in Coronazeiten)
Die potentiell virentragenden Aerosole, die beim Sprechen nur ca. 1,5 Meter weit ausgestoßen werden, sollen beim Singen bis zu 30 Meter weit gelangen können. (epd, 11. Mai 2020)
Diese These ist sicherlich zu hinterfragen, um nicht zu sagen, dass es sich um eine Fehlinformation handeln muss.

Wann, wie und unter welchen Bedingungen kann der reguläre Probenbetrieb wieder aufgenommen werden?

Das ist zur Zeit nicht zu beantworten. Selbst in Nordrhein-Westfalen und Sachsen, wo Chorproben ohne Begrenzung der Personenzahl wieder erlaubt sind, kann von „regulärem Probebetrieb“ keine Rede sein. Die Vorschriften, die zu beachten und einzuhalten sind, dürften allein wegen der benötigten Raumgröße von den meisten Chören nicht erfüllbar sein. In NRW muss zudem ein Hygienekonzept bei den kommunalen Behörden vorgelegt und genehmigt werden.

Die Stellungnahmen aller LKMDs der ev. – luth. Landeskirchen Niedersachsens und Bremens zur Perspektive der Chorarbeit lauten nahezu einheitlich:

„Normale“ Probenarbeit mit erwachsenen Laienchören ist bis auf Weiteres nicht möglich.

Mail vom 30. April 2020 an die Kirchenmusiker der ev. Landeskirche Hannovers von Landeskirchenmusikdirektor Hans-Joachim Rolf

Ausnahme in der Bremischen Evangelischen Kirche

Für die Vorbereitung von Gottesdiensten, ist das Proben in Gesangsquartetten in Bremen schon seit einigen Tagen gestattet. In dieser Formation darf dort auch im Gottesdienst gesungen werden. Lesen Sie dazu die

Wir alle wünschen uns eine planbare Perspektive: Was heißt „bis auf Weiteres?“ 

„Bis auf weiteres“ wird in den Ev. Landeskirchen Niedersachsens und Bremens unterschiedlich definiert. So gilt z. B. in Oldenburg zunächst „bis zum Sommer“, während die Einschätzung in Hannover skeptischer ist:

In der Runde unserer KMD und LPW gehen wir zurzeit davon aus, dass es IN DIESEM JAHR keinen regulären Probenbetrieb im Erwachsenenbereich mehr geben wird. 

Mail vom 30. April 2020 an die Kirchenmusiker der ev. Landeskirche Hannovers von Landeskirchenmusikdirektor Hans-Joachim Rolf

Wann können wir mit einer Lockerung der Vorgaben für Chöre oder gar der Aufhebung des Verbotes rechnen?

Es müssten Erkenntnisse über die Pandemie vorliegen, die es erlaubten, das Risiko für Choristen deutlich niedriger einzuschätzen, als es zurzeit möglich ist. Ob und wann das geschieht, ist nicht abzusehen.

Mail vom 30. April 2020 an die Kirchenmusiker der ev. Landeskirche Hannovers von Landeskirchenmusikdirektor Hans-Joachim Rolf

Was sagen die Studien der Experten?

Bitte lesen und sehen sie die aktuellen Stellungnahmen verschiedener Experten auf dieser Homepage unter der Rubrik Artikel, Expertisen und Stellungnahmen zum Singen in Coronazeiten.

Die zunächst sehr rigiden Sicherheitsregeln, die einige Experten noch bis Anfang Mai empfohlen hatten, unter deren Einhaltung zukünftig die Wiederaufnahme des Probebetriebs hätte in Erwägung gezogen werden können, werden inzwischen weit weniger drastisch gefasst.

Singen und Sprechen werden nun in Bezug auf das Übertragungspotential der Corona-Viren als vergleichbar eingeschätzt. Daher empfehlen viele Experten für Chorproben ähnliche Regeln wie auch im derzeitigen „normalen“ Umgang in der Öffentlichkeit: 1- 2 m Abstand, Mundschutz, ausreichend große Räume, überschaubare Menschenmenge, gutes Durchlüften etc.
Als risikofrei kann das Chorsingen jedoch immer noch nicht betrachtet werden.

Weiter gilt es, die Widersprüchlichkeit zu klären, dass einerseits viele Expertisen nicht mehr von einer erhöhten Ansteckungsgefahr beim Singen ausgehen, es andererseits in einigen Chören weltweit im Februar und März trotz der Einhaltung von Sicherheitsabstände und Hygienevorschriften zu verhältnismäßig hohen Ansteckungsraten unter den Sänger*innen und dem Publikum kommen konnte.

Zur Zeit wird davon ausgegangen, dass die Anzahl der Menschen in einem geschlossenen Raum und die Dauer ihres Aufenthaltes dort entscheidende Faktoren bzgl. der Infektionsgefahr sein könnten. Es wird diskutiert, ob dadurch eine Anhäufung (Kumulation) der potentiell virentragenden Aerosole stattfindet. Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse liegen allerdings noch nicht vor.

Es bleibt abzuwarten, welchen der durchaus unterschiedlichen Einschätzungen und Expertisen der Fachleute die Regierungsstellen folgen werden. So lange seitens der Behörden keine anders lautende Verordnung gültig wird, bleibt das Ensemblesingen in Niedersachsen-Bremen auf vier Personen begrenzt.

Anders könnte es möglicherweise demnächst für das Singen im Gottesdienst aussehen:

Im Gegensatz zu den bisherigen Studien, die Sie kennen, wird das Singen der Gemeinde als weniger gefährlich eingestuft – was nicht heißt, dass es risikolos ist. Auf der Basis dieser neuen Studien wird unsere Kirchenleitung in Gesprächen auf EKD-Ebene, aber auch mit dem Land Niedersachsen ausloten, welche Erleichterungen in der Musikausübung in absehbarer Zeit ggf. möglich sind.
Natürlich ist es unsere Aufgabe, das Singen als wesentliche Glaubensäußerung unserer Kirche zu bewahren und zu fördern. Dennoch bitte ich Sie um Geduld. Wir sollten mit Fantasie die Möglichkeiten nutzen, die wir haben, uns aber an die jeweils geltenden Vorschriften und Empfehlungen halten. 

LKMD Hans-Joachim Rolf, Mail an die hauptamtlichen Kirchenmusiker der Ev. – luth. Landeskirche Hannovers vom 11. Mai 2020


Zu den Gottesdiensten (Singen im Gottesdienst) sind Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Sie finden sich – wie alle anderen Informationen zu Corona – z. B. auf der Seite der Landeskirche Hannovers sowie auf den Homepages der Ev. luth. Landeskirchen Oldenburgs und Braunschweigs und der Bremischen evangelischen Kirche.

Die Handlungsempfehlungen werden den behördlichen Vorgaben gemäß angepasst und stets aktualisiert.

Es bleibt zu hoffen, dass es keine Grundvoraussetzung für das Chorsingen werden wird, einen Nasen- und Mundschutz tragen zu müssen! Wie auch beim Sprechen bietet er keinen sicheren Infektionsschutz. Für das Singen ist er zusätzlich besonders unangenehm, da das Material schon nach kurzer Zeit (ca. 10 – 15 Minuten) durchfeuchtet sein dürfte und ausgetauscht werden müsste. Es bedürfte also pro Probe eines recht großen Vorrats an Mund und Nase bedeckenden Textilien pro Person. Abgesehen davon dürfte das Singen mit Mundschutz weder akustisch noch haptisch noch atemtechnisch eine Freude sein.



Alternativangebote für Chöre

Was sollen wir nun tun, so lange wir uns nicht als ganzer Chor zum Singen treffen dürfen?

Wir fürchten also, dass die Zeit der Präsenzproben-Abstinenz für Chorsänger noch recht lang werden wird.

Die größte Herausforderung für Chorleiter*innen wird in den nächsten Wochen sein, Wege und Formen zu finden, in Kontakt mit den Sängerinnen und Sängern zu bleiben und die Zeit ohne Präsenzchorproben so zu gestalten, dass diese mit Freuden im Chor bleiben und nicht während der Monate der Beschränkungen dem Ensemble abhanden kommen. Das werden je nach Gruppe und Leiter höchst unterschiedliche Wege sein. Bitte bleiben Sie kreativ und unverzagt!

Immerhin gibt es nun die Möglichkeit, in Quartetten zu proben oder in Stimmgruppen mit je vier Teilnehmern.

Die bekannten Alternativangebote, die zumindest Teilaspekte des Chorsingens, nämlich den sozialen Austausch und das Notentext-Lernen, ermöglichen, bleiben bestehen:

Die meisten Ideen, die es gibt, um die Chorgemeinschaft aufrecht zu erhalten, oder um mit der zu erlernenden Literatur umzugehen, haben Sie sicher selber schon gehabt und auch praktiziert.

Man kann ein Treffen des Chores mithilfe einer Online-Plattform organisieren, um sich wenigstens regelmäßig sehen und austauschen zu können. Jibli, Zoom, Skype, Facetime sind einige Beispiele von vielen, die derzeit beliebt sind. Aus Datenschutzsicht gelten sie jedoch nicht unbedingt als sicher.

Einige Chöre proben sogar auf diesem Wege. Wer das probieren möchte, findet auf der Homepage des Berliner Chorverbands eine gute Anleitung zu „online-Chorproben mit Zoom“, auch mit methodischen Hinweisen zur Probentechnik.
David Rossel (Schweiz) und Jim Daus Hjernøe (Dänemark) teilen ebenfalls ihre Erfahrungen und geben Tipps zur Anwendung.

Ute Benhöfer hat Erfahrungen mit Kinder- und Jugendchorproben online gesammelt, die Sie hier gern einsehen können.

Allerdings hat diese Art zu Proben deutliche Grenzen – eine Online-Probe ist nicht mit einer „analogen“ Chorprobe zu vergleichen. Gleichzeitiges Singen, ein gemeinsames Klangerlebnis ist mit diesen Formaten leider nicht möglich.

Zum Töneüben können außerdem auch Übe-CDs oder Übestimmen im MP3-Format erstellt und an die Chorsänger geschickt werden. Diese Methode praktizieren viele Chöre schon lange Jahre, um den Chorsängern zu Hause die Möglichkeit der Vor- oder Nachbereitung der Proben zu geben.

Einige Verlage bieten Übehilfen für die großen, gängigen Chorwerke an.

Im Internet finden sich zahlreiche Angebote zum Mitsingen. Sie können also „Chorsingen“ – allerdings allein, jeweils zu Hause.


Auf dieser Homepage, unter der Rubrik
Mitsingen zu Hause, finden sie einige Beispiele.

Mögen Sie in dieser verwirrenden und außergewöhnlichen Zeit zuversichtlich und gesund bleiben und mit großer Vorfreude auf die erste „echte“ Chorprobe nach der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen blicken können.
Bleiben Sie behütet!